Welttag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

Amparo Gonzales Castano (l.) und Luisa Failing forschen als Doktorandinnen am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft.
Foto: Forschungszentrum Jülich/Jansen

Luisa Failing und Amparo Gonzales Castano forschen als Doktorandinnen am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft (INW) des Forschungszentrums Jülich. Anlässlich des Welttags der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft am 11. Februar schildern die beiden jungen Frauen, etwas, das für sie normal, aber generell möglicherweise noch nicht selbstverständlich ist: nämlich, dass ihr Geschlecht keine Rolle spielt.

Wer Mary Anning war, das wussten Luisa Failing und Amparo Gonzales Castano bis vor kurzem nicht. Denn die beiden jungen Wissenschaftlerinnen am Helmholtz-Cluster für nachhaltige und infrastrukturkompatible Wasserstoffwirtschaft, das vom INW getragen wird, leben und arbeiten in ganz anderen Zeiten und in einem komplett anderen Forschungsfeld als eine der wichtigsten Dinosaurier-Jägerinnen der Geschichte. Anning suchte und fand viele bahnbrechende Fossilien.

Deswegen, aber vor allem, weil sie das zu einer Lebzeit (1799 – 1847) getan hat, in der die Worte Frau und Wissenschaft ein scheinbar unüberwindliches Paradoxon waren, ist sie als damals verkannte und belächelte und heute in Fachkreisen über allen Zweifeln erhabene Pionierin berühmt geworden.

Geschlechtergerechtigkeit als Normalität

Heute, gut 200 Jahre später, ist die Welt der Wissenschaft eine andere. Luisa Failing und Amparo Gonzales Castano gehören möglicherweise einer Generation von jungen Forscherinnen an, die nicht mehr ständig um eine Gleichbehandlung kämpfen muss. Geschlechtergerechtigkeit ist für sie Normalität. Davon erzählen sie im Gespräch anlässlich des „Welttags der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“, der jedes Jahr am 11. Februar ist. Dass das so ist, liegt daran, dass die beiden Doktorandinnen in einem Umfeld arbeiten, „in dem es keine Rolle spielt, welches Geschlecht du hast. Wichtig ist, dass du qualifiziert und motiviert bist“, sagt Luisa Failing.

Vorbehalte gegen sie als Frauen und Forscherinnen sind den beiden nach eigener Aussage nur noch als Rudimente einer vergangenen Zeit begegnet. Und das nicht im beruflichen Umfeld, sondern auf privater Ebene. Als es einmal passiert war, sei sie vor dem Kopf gestoßen gewesen, weil sie den Kommentar eines Bekannten als unangemessen empfunden habe. „Er meinte, nachdem ich von meiner Möglichkeit zur Promotion erzählt hatte, dass meine biologische Uhr irgendwann zu ticken beginnt“, erzählt sie und lächelt noch heute darüber. Damals sei sie 24 Jahre alt gewesen, heute ist sie 25. „Statt mir zur neuen Stelle zu gratulieren, hat er ein Thema kommentiert, das ihn nichts angeht.“

Mary Anning aus Lyme Regis, Dorset, eine Pionierin der Paläontologie. Ölgemälde eines unbekannten Künstlers, vor 1842. Aufbewahrt im Natural History Museum, London.

Pionierinnen auf ihre Art

Eine Gemeinsamkeit haben die beiden Jülicher Wasserstoff-Forscherinnen mit der Wegbereiterin der Paläontologie: Sie alle sind Pionierinnen auf ihre Art. Auch, wenn sie das so nicht empfunden haben, beziehungsweise empfinden. Anning wurde in der Männer-dominierten Welt des frühen 19. Jahrhunderts immer als Außenseiterin abgestempelt. Ganz egal wie gut sie und wie bahnbrechend ihre Entdeckungen waren.

Luisa Failing und Amparo Gonzales Castano war es lange gar nicht aufgefallen, dass die beiden die ersten Wissenschaftlerinnen am Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft (INW) des Forschungszentrums Jülich waren. Das lag einerseits daran, dass das INW, welches den Kern des HC-H2 bildet, als junges Institut noch im Aufbau ist und die beiden Doktorandinnen Anfang 2023 relativ früh dazugestoßen waren.

„Andererseits hatte ich in unserem Team bisher nie das Gefühl, dass es eine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin“, erklärt Amparo Gonzales Castano. Was sie wahrnimmt, ist eine Kultur der Offenheit und des gegenseitigen Unterstützens in einem jungen Team. Für den Kampf gegen die globale Erwärmung sei das ein guter Nährboden. „Und am Ende ist es egal, wer einen Fortschritt erzielt und welches Geschlecht diese Person hat. Hauptsache, der Fortschritt passiert.“

Am 11. Februar ist der UNESCO-Welttag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft.
Foto: Sergey Nivens/Fotolia

Fortschritt als Motivation

Diese Suche nach dem Fortschritt war für beide Frauen die Motivation, eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben. „Ich hatte nach meinem Bachelor-Abschluss für mehrere große Konzerne in Spanien gearbeitet. Aber so richtig erfüllt hat mich das nicht. Ich wollte etwas machen, bei dem ich die Chance sehe, einen Beitrag zu leisten“, erzählt Amparo Gonzales Castano, warum sie gekündigt hat, um ein Master-Studium in Erneuerbare Energien aufzunehmen. Im Studium seien Wasserstoff und Brennstoffzellen oft Themen gewesen. Deswegen habe die Promotionsstelle, die Ende 2022 am INW ausgeschrieben war, alle ihre thematischen Wünsche erfüllt. „Ich bin davon überzeugt, dass wir Einfluss nehmen können mit unserer Forschung“, sagt Amparo Gonzales Castano über die Arbeit am INW.

(K)Eine Suche nach dem heiligen Gral

Den heiligen Gral, mit dem alle Probleme auf einmal gelöst werden, werde niemand finden. „Dafür aber viele verschiedene Ideen, an denen viele Forscherinnen und Forscher arbeiten. In Summe entstehen so viele verschiedene Chancen, um die Dekarbonisierung voranzutreiben.“ Die Frau aus dem kleinen Städtchen Albacete im Südosten Spaniens arbeitet in ihrer Promotion an einem dynamischen Modell aller Komponenten einer Festoxid-Brennstoffzelle. Mithilfe des Modells soll das Team später in der Lage sein, das System anhand von Simulationen zu optimieren. Unter anderem ist sie in das Demonstrationsvorhaben Multi-SOFC am Krankenhaus Erkelenz involviert, das im März offiziell in Betrieb genommen wird.

Ein Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten hat auch Luisa Failing motiviert. Schon früh hatte sie großes Interesse daran, Prozesse nachhaltig zu gestalten, weshalb sie ihr Abitur im Schwerpunkt Umwelttechnik gemacht hat. Aufbauend auf das Bachelorstudium Umwelt- und Verfahrenstechnik studierte sie Simulations- und Experimentaltechnik im Master. Als Frau im Sinne der überholten Redensart ihren Mann zu stehen – das war kein Antrieb. „Wir stehen nicht nur in Europa, sondern weltweit vor den bisher größten technischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Das Ziel der Klimaneutralität ist für junge Forscherinnen und Forscher definitiv eine große Motivation.“

Seit dem vergangenen Jahr arbeitet die Doktorandin am INW an ihrer Promotion. Ihr Thema ist die Herausforderungen, die mit einer Kopplung der schwankenden Verfügbarkeit von Sonnen- und Windenergie mit der geringen Flexibilität der Syntheseanlagen für die Wasserstoff-Derviate Dimethylether und Methanol einhergehen. Denn die Anlagen, die Dimethylether und Methanol als Speicher für regenerative Energie synthetisieren, brauchen relativ lange, um hoch- oder runterzufahren. Das beißt sich mit der mitunter stark schwankenden Verfügbarkeit von mithilfe von Sonnen- und Windenergie hergestelltem grünem Wasserstoff.

Ein Vorbild im eigenen Institut

Heute sind sie nicht mehr die einzigen Wissenschaftlerinnen am INW. Mittlerweile arbeiten mehrere Teamleiterinnen am INW und mit Prof. Regina Palkovits eine hoch renommierte Wissenschaftlerin als Direktorin. Regina Palkovits ist neben ihrer neuen Tätigkeit am INW zeitgleich auch Lehrstuhlinhaberin für Heterogene Katalyse und Technische Chemie an der RWTH Aachen. Und sie ist Mutter zweier Kinder.

Unlängst sorgte sie für Schlagzeilen, weil sie und ihr RWTH-Kollege Prof. Jürgen Klankermayer den Wettbewerb um das mit 100 Millionen Schweizer Franken dotierte „Jahrhundertprojekt“ der Werner-Siemens-Stiftung gewonnen hat. „Sie ist ganz sicher ein Vorbild. An ihrem Beispiel wird deutlich, dass du es weit bringen kannst, wenn du gut bist. Zumindest in dem Umfeld, in dem wir arbeiten, spielt es keine Rolle, ob ich ein Mann oder eine Frau bin“, sagt Amparo Gonzales Castano. Luisa Failing nickt zustimmend.

Prof. Regina Palkovits sorgte unlängst für Schlagzeilen, weil sie das Jahrhundert-Projekt der Werner-Siemens-Stiftung gewonnen hat.
Foto: Forschungszentrum Jülich/Jansen

Interview mit Regina Palkovits: „Die Beschleunigerin“

Am 11. Februar ist der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Warum braucht es einen solchen Tag?

Der Weg stimmt

Mutmaßlich ist den beiden nicht bewusst, dass sie auch damit irgendwie zu einer Generation von Pionierinnen gehören. Denn dass das Geschlecht in der Wissenschaft keine Rolle mehr spielt, ist eine Errungenschaft, die deutlich jünger ist als das Wirken von Mary Anning. Möglicherweise muss sich diese Denkweise sogar erst noch flächendeckend durchsetzen. Davon zeugt die Tatsache, dass der Welttag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft immer noch ein Thema ist. Dass das in der Wahrnehmung von Luisa Failing und Amparo Gonzales Castano kaum noch eine Rolle spielt, zeigt aber, dass der Weg stimmt. Deswegen lautet der Ratschlag der beiden Jülicher Forscherinnen an junge Menschen, egal ob sie oder er: „Wenn du für ein Thema brennst und etwas bewegen willst, dann geh diesen Weg.“